Programm der Bonnekamp-Stiftung

Die zentrale Aufgabe der Stiftung besteht in der Förderung einer integrativen Stadtkultur mit sowohl ökosozialer als auch politisch-ökonomischer Dimension. Dabei steht die Entwicklung realer Projekte im Mittelpunkt, die zur Stärkung lokaler und regionaler Wirtschaftskreisläufe und somit zu einer zunehmenden dezentralen Lebensmittel- souveränität beitragen können. Der öffentlichen Diskussion über die Perspektive einer Kultur der Nachhaltigkeit, der Subsistenz und Resilienz will die Stiftung konkrete Orte für Experiment und praktische Erfahrung anbieten. Ein Wirtschaften nach humanen und ökologischen Maßstäben basiert auf lebendigen und belastbaren Beziehungsgeflechten bzw. ist eine wichtige Voraussetzung für deren Entstehung und Festigung. Die Einzel- projekte verstehen sich demzufolge als materielle Basis für das Einüben und Erleben von kooperativen, solidarischen und bedürfnisorientierten Lebensstilen und eröffnen so die Möglichkeit einer Neudefinition der Begriffe Wohlstand und Lebensqualität.

Arbeitsfelder

Urbane Landwirtschaft

 

Die Erzeugung von Nahrungsmitteln in der Stadt ist eine Teilstrategie für die Stärkung regionaler Eigenversorgungskapazität. Urbane Landwirtschaft wird hier nicht isoliert betrachtet, sondern als Baustein für eine ökosoziale Stadterneuerung. Sie entwickelt sich sowohl anhand der Einschränkungen als auch der Perspektiven im Ballungsraum Ruhrgebiet, bzw. im Emscher Landschaftspark. Sie schließt sowohl im sozialen Bereich Integration, Partizipation und Bildung mit ein als auch in ökologischer Hinsicht Landschaftspflege und Förderung der Biodiversität. Dabei stützt sie sich auf die Erfahrungen mit vergleichsweise kleinräumigen, intensiv biologisch bewirtschafteten Kreislaufkulturen, die eher durch solidarische Organisationsformen mit ihrem Umfeld verbunden sind als durch abstrakte Marktmechanismen. In Zusammenarbeit mit angewandter Wissenschaft und Forschung strebt sie eine Verbindung traditionell bewährter Kulturformen mit den Möglichkeiten agrarischer Hoch- technologie an. Das Ziel ist letztlich die Entwicklung eines regionalen, dezentralen und vernetzten Zellverbands, deren Einzelzelle einen möglichst autarken Binnenhaushalt führt und über den Verbund die Vorteile von Synergie und möglicher Spezialisierung erfährt.

 

Die Bonnekamp-Stiftung stellt darüber hinaus die Frage nach der Zukunftstauglichkeit von Privateigentum an Grund und Boden ohne daran gekoppelte soziale und ökologische Verantwortung. Zu dieser Frage bezieht die Stiftung Stellung in Form des Programms „Kepos zwei“: Aufkauf geeigneter, landwirtschaftlich gewidmeter Flächen aus Privat- bzw. Konzerneigentum und deren Überführung in Gemeineigentum mittels Übertragung an gemeinnützige Stiftungen mit entsprechender Satzung, die eine Gemeinwohl-Nutzung dauerhaft und unabhängig von politischen Wetterlagen garantiert.

Diese Form urbaner, kooperativer Landwirtschaft versteht sich als Beitrag zur Verwirklichung regionaler Lebenssouveränität (in Ausweitung des Begriffs „Ernährungssouveränität).

Dezentrale, demokratische Produktion

 

Damit verknüpft und nur im Zusammenhang sinnvoll ist die Förderung der Einkommens- und Produktionssouveränität durch neue Formen selbstbestimmter, kooperativer Erzeugung und Verteilung der Lebensmittel im weitesten Sinne. Es besteht kein einsichtiger Grund, an der erwiesenen Dysfunktionalität von „Arbeitsmärkten“* als einzig denkbarem Modell von Vergesell- schaftung und Massendisziplinierung festzuhalten. Unabhängig von philosophischen und moralischen Erwägungen zwingt die technolo- gische Entwicklung zur Bearbeitung der Frage nach der Zukunfts- fähigkeit „abstrakter Arbeit“. Der aktuelle ideologische Starrkrampf, der unter anderem zu einer hanebüchenen Subventionierung des überkommenen Job-Systems führt, kann offensichtlich nur durch eine entspannte Diversifizierung „von unten“ gelockert werden.

 

Biodiversität bedeutet in diesem Kontext einfach Vielfalt der Lebensstile, nicht zuletzt in ökonomischer Hinsicht. Es geht hier also nicht um ein Entweder – Oder, sondern um eine Erweiterung des Angebots sozioökonomischer Modelle – in einer freien und pluralistischen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit.

 

In Form des Pilotprojekts Faktotum etabliert die Stiftung ein Stadtteilzentrum, das verschiedene Möglichkeiten gemeinsamen Produzierens verbindet und zur Verständigung darüber einlädt, was einen befriedigenden Lebensstandard ausmacht. Das Grundanliegen des Faktotums ist die Übertragung des Prinzips der solidarischen Landwirtschaft auf eine solidarische Produktion im allgemeinen; soziale Verbindung, Verbindlichkeit und Kommunikation

 

werden mit der Herstellung des Lebensnotwendigen und Wünsch- baren (wieder) in Zusammenhang gebracht. Auf praktischer Ebene ergänzen sich Open-Source-Production, CAD-CAP-Technologie (Fab Lab), traditionelles Handwerk und verschiedene Formen kreativen Recyclings.

Das Projekt ist bewusst entwicklungsoffen, ein Labor zur Selektion von Machbarem aus dem Kosmos des Denk- und Planbaren - mit einer herzlichen Einladung zur Teilnahme, auch in Richtung Politik und Verwaltung.

 

 

 

 

Bildung und Persönlichkeitsentwicklung

 

Bildung im Rahmen der √-Werkstatt bedeutet die Kombination von Anregung und kreativem Freiraum, der selbstbestimmt genutzt werden kann, um Erkenntnisse und Fähigkeiten zu entwickeln. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der geschichtlichen Entstehung heutiger Welt- und Menschenbilder. Das Ziel besteht hier gerade nicht darin, Lernende (also uns alle) innerhalb eines gesell- schaftlichen Konstruktes X möglichst funktionstüchtig zuzurichten. Vielmehr werden zuallererst das Interesse und die Neugier geweckt für die Frage, wie denn das gegebene Konstrukt geworden ist und welche Prämissen und Imperative sich daraus ergeben.

 

Die Befähigung zur selbständigen Urteilsbildung steht also im Vordergrund. Darauf aufbauend kann sich der künstlerische Aspekt von Bildung entfalten: die Synthese alternativer Vorstellungen und das Ausprobieren dieser in der Praxis. Denn nichts muss im gesellschaftlichen Kontext so sein, wie es ist, nur weil es so ist; sondern menschliches Zusammenleben kann ebenso vielgestaltig sein wie gestaltbar.

Öffnung politischer Möglichkeitsräume

 

Nach dem Abriss wirkungsvoller Kommunikation zwischen Politik und Bevölkerung liegt die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft maßgeblich in zivilgesellschaftlicher Hand. Die konsequente Um- setzung des Prinzips der Subsidiarität spielt eine wesentliche Rolle bei der verantwortungsvollen Gestaltung der Lebenswelt. Subsidiarität bedeutet schlicht die Bearbeitung gesellschafts- politischer, öklogisch-ökonomischer und sozialer Problemstellungen auf der „unterst“ möglichen Ebene, also individuell, familiär, kommunal und stadtteilbezogen. Nur was hier nicht zufriedenstellend gehandhabt werden kann, sollte an höhere Ebenen delegiert werden. Subsidiarität schließt aber auch die Forderung nach Selbstver- waltung mitsamt Finanzhoheit ein. Politik im Auftrag bzw. im Interesse transnationaler Konzerne und Finanzinstitute wird sich in Zukunft zunehmend ihre finanzielle Ausstattung von den Auftraggebern selbst erbitten müssen.

 

Die Bonnekamp-Stiftung fördert zivilgesellschaftliche Initiativen mit dem Ziel, auf der Basis von Bildung, von sichtbaren Kompetenzen und Strukturen real existierender, lokaler Grundwirtschaften basisdemokratische politische Entscheidungsspielräume zu gewinnen. Auch in diesem Zusammenhang ist die Strategie praxisorientiert, integrativ und überparteilich. In enger Zusammenarbeit mit lokaler/regionaler Politik und Verwaltung entstehen langfristig angelegte Projekte , die modellhaft ökonomische, ökologische und soziale Perspektiven für die Sadtteilentwicklung eröffnen. Diese Projekte sind Orte, an denen es Menschen möglich ist, gemeinsam Lebenswirklichkeit zu gestalten und sie bilden so das Fundament für ein lebendiges Gemeinwesen mit entsprechendem politischen Selbstbewusstsein.

 

 

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